Ein Job in dem man sich wohl fühlt, ist einer der wichtigsten Faktoren für die allgemeine Lebenszufriedenheit. (vgl. Fasch/Kail 2007: 141) Wenn die Arbeit, die Berufung ist, also ein Ruf, dem man folgt und von dem man erfüllt ist, dann ist sie mehr als nur ein Job, mit dem man seinen Lebensunterhalt verdient. Die Arbeit wird zu einem Prozess, welcher im ganzen Leben integriert ist. (vgl. Hormann 1991: 192). Begibt sich ein Individuum auf die Reise zu seiner individuellen beruflichen Selbstverwirklichung, gilt es vorab einige Dinge zu klären.

WISSEN –Wer bin ich?

Als erstes muss die Frage geklärt werden, wer man überhaupt selbst ist. Jeder Mensch hat eine Erziehung genossen, ist von seinem kulturellen Umfeld geprägt und wurde von Erwartungen voll gestopft. Maslow bewertet alle sozialen Beeinflussungen auf die Entwicklung und Entfaltung einer Person als negativ.

„Maslow betrachtet die innere Natur der Selbstverwirklichung als irritierbar, im Grunde als eine zarte und subtile Kraft. Deshalb kann die innere Natur der menschlichen Selbstverwirklichung durch kulturelle Einflüsse, unangemessen elterliche Erziehung oder durch falsche Gewohnheiten ‚verbogen‘, verzerrt und erschüttert werden“ (Hutterer 1998: 324).

maslow-pyramide

Folglich kommt Maslow zu der Ansicht, dass soziale Beeinflussung „eher die Entfaltung behindert, statt sie zu fördern, daß sie eher Verteidigungshaltungen aufbauen hilft und den Menschen in seinen wichtigen Bedürfnissen frustriert“ (Paulus 1994: 179). Das Konzept der Selbstverwirklichung kann in Maslows Ansicht dem vielschichtigen Prozess der Herausbildung von wertbezogenen Handlungsorientierungen in sozialen Kontexten kaum gerecht werden. Jedoch ist hervorzuheben, dass Maslow die Bedeutung der Beschaffenheit eines möglichst unabhängigen Standpunkts des Menschen deutlich erkannt hat. „Auch wenn die Realisierung eines individuellen Selbst immer im Kontext von Interaktionsprozessen zu begreifen ist, so darf nicht vernachlässigt werden, dass dies häufig gegen Bezugspersonen und Institutionen der Gesellschaft erkämpft werden muss.“ (Sichler 2006: 276f.) Maslow zieht daraus den Schluss, dass die individuelle Selbstverwirklichung gegen vorherrschende kulturelle und familiäre Einflüsse zu beschützen ist. Kultur und Erziehung müssen auf die innere Natur des Menschen abgestimmt sein, damit sein Bedürfnis nach Selbstverwirklichung erfüllt werden kann (vgl. Paulus 1994: 167). Ist das in der Kindheit nicht geschehen, ist es für eine berufliche wie private Selbstverwirklichung unumgänglich, dessen im Nachhinein auf den Grund zu gehen:

“Ohne Selbsterkenntnis sind wir wie ein Boot, das ohne Führung auf dem Strom des Lebens dahingetrieben wird. Wer daher sein Schicksal meistern möchte, muss wissen, wo er in der Welt steht und welche der gängigen Wertvorstellungen er sich – nach eingehender Prüfung – zu eigen machen beziehungsweise welche er verwerfen will, weil sie sich mit seinem Ich-Ideal nicht vereinbaren lassen.” (Birkenbihl 1991: 109)

KÖNNEN – Was kann ich?

Im nächsten Schritt ist eine grundlegende Voraussetzung für ein beruflich erfülltes Leben, die eigenen Talente und Stärken zu erkennen und gezielt einzusetzen (vgl. Fasch/Kail 2007: 141). Dabei ist darauf zu achten, dass man realistische Ziele formuliert, welche im Rahmen der eigenen Stärken erreichbar sind (vgl. Birkenbihl 1991: 80).

WOLLEN – Was will ich?

Wenn man sich mit sich selbst auseinander setzt, erkennt man, dass halbe Sachen, zu viele Kompromisse, permanentes Nachgeben einen Selbst derart behindern, dass man nicht mehr sein eigenes Leben lebt, sondern gelebt wird. Dieser Zustand wiederum lässt einen verzweifeln. Man traut sich wenig zu, ist unglücklich und bleibt es, wenn man das Übel nicht an der Wurzel anpackt. Schlüssel zum Erfolg ist der eigene Wille. Er verleiht dem Menschen jene Kraft, die er benötigt um gegen seine „Handicaps“ anzugehen, sie zu verbessern, zu ändern, um den Charakter zu formen und sich durchzusetzen. Gegen sich selbst und seine Bequemlichkeit (vgl. Marden 2001: 39).

“‘Ich will!’ das Wort ist mächtig spricht ́s einer ernst und still die Sterne reißt ́s vom Himmel das eine Wort: ‘Ich will!'” (Goethe)

Sobald ich weiß, was ich will, habe ich ein Ziel definiert. Es gilt das Naturprinzip: Ohne Ziele gibt es keine Entwicklung (vgl. Merg/Knödler 2007: 38). Habe ich das Ziel vor Augen, kann ich mich auf den Weg machen, dieses zu erreichen. Sobald ich weiß wohin ich will, kann ich selbstbestimmt den Weg dorthin wählen (vgl. Nöllke 2010: 12). L.H. Farber hat in seinem Buch „The Ways of the Will“ den Willen als „verantwortlichen Beweger“ (1966: o.S.) bezeichnet. Für Rollo May besteht eine enge Verbindung zwischen der Identität und dem Willen: „‚Ich kann‘ und ‚Ich will‘ stellen die wesentliche Erfahrung der Identität dar.“ (1969: o.S.). Wenn man von Selbstverwirklichung spricht, ist damit häufig eine vage Mischung aus Hedonismus und Erfolgsgier gemeint. „Die wahre Selbstverwirklichung jedoch ist die Ersetzung von ‚Ich soll‘ durch ‚Ich will‘. Commitment im Beruf heißt dann: Ich kann, weil ich weiß, was ich will. Die Arbeit wird nicht nur getan, sie ist auch gewollt. Wir müssen wollen, was wir tun.“ (Sprenger 2005: 93)

Selbstverantwortung übernehmen

“Der Weg zum Ziel beginnt an dem Tag, an dem du die hundertprozentige Verantwortunfür dein Tun übernimmst.” (Dante)

Ein passiver Mensch produziert seine Realität mittels unbewusster Entscheidungstreffung. Befindet man sich dann in einer unliebsamen Situation, kann man sie verändern, unter der Bedingung, dass man aktiv Entscheidungen trifft und handelt. Wie in der Attributionstheorie beschrieben, wenn die Ursache für Misserfolg z.B. mangelnde Anstrengung für eine Person willentlich kontrollierbar oder veränderbar ist, dann wird die Person für einen durch mangelnde Anstrengung bedingten Misserfolg auch verantwortlich gemacht (vgl. Weiner 1994: 2). Jeder Mensch hat seine berufliche Situation, frei gewählt. Und damit ist man auch für die Konsequenzen der eigenen Wahl selbst verantwortlich. Die meisten Menschen wollen keine Verantwortung übernehmen, denn wenn es nicht klappt, dann werden sie zur Verantwortung gezogen. Die Unternehmensführung kann man ablehnen, es stellt zu viel Verantwortung dar, jedoch die Verantwortung über sich selbst, hat jeder Mensch, das kann man sich nicht aussuchen, nur verdrängen. Übernimmt man die Verantwortung über sich selbst entscheidet man über Freiheit oder Unfreiheit seines Lebens. Erkennt man an, dass man die berufliche und private Situation frei wählt, kann man die Situation auch ändern (vgl. Sprenger 2005: 42). Selbstverantwortung meint daher im Kern:

  • Ein autonomes und freiwilliges Handeln; ein Wählen,
  • Ein initiatives und engagiertes Handel; ein Wollen,
  • ein kreatives und schöpferisches Handeln; ein Antworten. (Ebd.: 37)

Zusammenfassung

Konkretes Handeln ergibt sich aus dem Wissen über die jeweilige Situation (Selbstanalyse) und das Bewusstsein, dies auch tun zu können (Selbstverantwortung). Das Handeln wird jedoch nur dann erfolgen, wenn die handelnde Person das auch tun will. Diesem Wollen liegen organisatorische Rahmenbedingungen (Besteht die Möglichkeit in dieser Firma den gewünschten Posten einzunehmen?) und die jeweilige Persönlichkeit (Kompetenz und Charakter) zu Grunde (vgl. Schmitz 2005: 50).

handeln.jpg

Grundsätzlich ist zu sagen, dass man eine Entscheidung bei selbstbestimmten Themen leichter trifft, als bei bestimmte Situationen. Denn bei selbstbestimmten Themen ist immerhin der Faktor des eigenen Wollens gegeben. Ich will etwas erreichen, es stellt sich nur noch die Frage: Wie ich das Ziel erreichen kann? Erschwerend hinzu kommt allerdings, dass zum Erreichen eines Zieles diverse Hürden zu überwinden sind. Eine aktive Entscheidungshaltung ist zwangsläufig nötig, um diese Hindernisse zu bewältigen.

Weiterlesen Berufliche Selbstverwirklichung 3/3

Zurück zu Berufliche Selbstverwirklichung 1/3


Birkenbihl, Michael (1991): Karriere und innere Harmonie sind möglich. München: mvg-Verlag.

Farber, L. H. (1966): The Ways of the Will. New York: Harper & Row.

Fasch, Christa/Kail, Angelika (2007): Mein Idealberuf. Anleitung zur beruflichen Selbstverwirkli- chung. Wien: Goldegg.

Hormann, John (1991): Anstiftung zur persönlichen (R)evolution. München: mvg-Verlag.

Hutterer, Robert (1998): Das Paradigma der Humanistischen Psychologie. Entwicklung, Ideengeschichte und Produktivität. Wien/New York: Springer.

Marden, Orison S. (2001): Die Kunst, Menschen zu ändern. Zürich: Oesch.

May, Rollo R. (1969): Love and Will. New York: Norton.

Nöllke, Matthias (2010): Entscheidungen treffen: Schnell, sicher, richtig! 5., aktualisierte Auflage, Freiburg: Haufe.

Paulus, Peter (1994): Selbstverwirklichung und psychische Gesundheit. Göttingen: Verl. für Psychologie.

Schmitz, Heribert (2005): Raus aus der Demotivationsfalle. Wie verantwortungsbewusstes Manage- ment Vertrauen, Leistung und Innovation fördert. Wiesbaden: Gabler. S. 51.

Sichler, Ralph (2006): Autonomie in der Arbeitswelt. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Sprenger, R. K. (2005): Mythos Motivation. Wege aus der Sackgasse (Limitierte Sonderausgabe 2005 ed.). Frankfurt/Main: Campus Verlag GmbH.

Weiner, Bernard (1994): Sünde versus Krankheit: Die Entstehung einer Theorie wahrgenommener Verantwortlichkeit. In: Försterling, Friedrich/Stiensmeier-Pelster, Joachim (Hg.): Attributionstheorie. Grundlagen und Anwendungen. Göttingen (u.a.): Hogrefe – Verlag für Psychologie. S. 1-26.